Über Straßennamen und Geschichtsdeutung

von Martina Hartmann-Menz, Historikerin

Sich in den öffentlichen, durch Ortsstraßen strukturierten Raum zu begeben heißt gleichzeitig, auch wenn dies ein unbewusstes Geschehen ist, den Fuß in eine gigantische Enzyklopädie zu setzen.

In der Benennungspraxis von Straßen zeichnen sich Flurnamen, richtungsweisende oder botanische Namen durch Eindeutigkeit aus, während die Benennung von Straßen nach Ereignissen oder Personen Deutungsmöglichkeiten eröffnen, die durchaus unterschiedlich ausfallen könnten.

Es sind aber diese Straßennamen, die, nicht nur beim Betrachten eines beliebigen aktuellen Stadtplans, sondern durch den Blick auf die unter dem derzeitigen Straßennamen verborgenen Sedimentschicht vorangegangener Benennungen offenbar werden lassen, wie es in den mit der Namensgebung befassten Gremien, aber auch dem gesellschaftlichen Umfeld um die jeweilige Geschichtsdeutung und -Auffassung beschaffen war.

In jüngerer Vergangenheit finden vermehrt regionale Auseinandersetzungen um die Benennung von Straßen nach Personen mit NS-Vergangenheit statt. Ausgangspunkt hierfür ist meist eine personenbezogene Änderung der Forschungslage oder der grundsätzlich gewandelte Blick auf historisches Geschehen. Allerdings erfolgen derlei Infragestellungen der Ehrungswürdigkeit von Namensgebern nicht aus einem politischen Vakuum heraus – sie stehen meist im Kontext einer als notwendig empfundenen lokalen „Aufarbeitung“[1] der bisher als „weggeschoben“ oder „verdrängt“[2] erlebten NS-Vergangenheit. „Grabe, wo Du stehst!“[3] lautet das Leitbild des von Sven Lindqvist formulierten, historischen Regionalitätsprinzips, das mit der Auseinandersetzung um die Umbenennung der Bad Camberger Rudolf-Dietz-Straße[4] unverkennbar in der Region Mittelhessen angekommen ist.

Die meist von Zivilgesellschaft oder Politik ausgehenden Impulse zur Umbenennung von Straßen (und die damit verbundenen Debatten!) können nicht nur als lebendige, die gesellschaftliche Notwendigkeit des historischen Fachs verdeutlichende, öffentliche „Geschichtsstunde“ nutzbar gemacht werden. Auch muss eine lebhafte Teilnahme an solch meinungsbildenden Diskursen der historischen Wissenschaft Verpflichtung sein. Es ist ja ihre Disziplin, die durch den systematisch-kritischen Blick in die Vergangenheit entstanden ist. Für den Historiker ergibt sich, alleine schon aus Gründen der Imagepflege, eine Notwendigkeit, nachfolgenden Generationen[5], die unsere Geschichtsauffassung und -Deutung im Lichte der Straßenbenennung eines Tages unter die Lupe nehmen werden, ein gemäß unserer verfassungsmäßigen Prinzipien möglichst akkurat bestelltes Feld zu hinterlassen.

Straßennamen, und hier insbesondere die Benennung von Straßen nach Personen, indizieren in wissenschaftlich verifizierbarer Eindeutigkeit die Beschaffenheit der gegenwärtigen, aber auch vergangenen, kulturellen und politischen Verfasstheit eines Gemeinwesens.

Nun ist unzweifelhaft, dass „Straßennamen … kein Spiegel der Geschichte“[6] im Sinne einer repräsentativen Gesamtschau historischer Ereignisse sein können. Benennungen waren (und sind) das Ergebnis von Mehrheitsentscheidungen in Gremien mit selektiver, die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht 1:1 spiegelnder Zusammensetzung. Somit, und dies offenbart sich alleine schon im Hinblick auf die Geschlechterverteilung[7], sind Zufälligkeiten und die Durchsetzung der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse bei der Auswahl von Straßennamen nicht von der Hand zu weisen.

Darum aber soll es hier nicht gehen. Vielmehr um die Frage, ob sich in Wirken und Programmatik der Personen, die wir für würdig erachten, Namensgeber einer Straße zu sein (oder zu bleiben), die Grundsätze von Demokratie, Toleranz und Achtung der Menschenwürde wiederfinden, wie es der Gesetzgeber unmissverständlich für solcherart Ehrungen einfordert.

Scheinbare Inkompatibilitäten und Irrtümer

Erfolgt in einer Kommune die Antragstellung auf Umbenennung einer Straße, sind von Beginn an zwei Disziplinen involviert, die sich bei der Bearbeitung einer fachlichen Materie nicht notwendig durch große Schnittmengen auszeichnen. „Historiker trifft auf Kommunalpolitiker“, so mag die Ausgangslage skizziert werden, die auch dadurch komplex wird, dass in den Geschichtswissenschaften im Bewusstsein des stets erfolgenden Erkenntniszuwachses gearbeitet wird, sie also alles andere als statisch sind.

Kommunalpolitiker, auf das „Gemeinwohl“ verpflichtet, agieren auf der Grundlage von fixierten Rechtsnormen im Kontext von Mehrheitszwängen, dazu häufig reflexartig abwehrend gegen Initiativen der Minderheitsfraktionen. Wird der Historiker nach dem aktuellen Forschungsstand hinsichtlich einer Person der (Zeit-) Geschichte gefragt, wird es ihm ein Anliegen sein, wissenschaftlich exakt und lückenlos Auskunft zu erteilen. Hier hat er den leichteren, klar definierten Part, während das Handeln kommunalpolitisch Verantwortlicher neben dem Blick auf die Faktenlage auch auf Aspekte wie Fraktionsdisziplin, politische Grundausrichtung und Nicht-Gefährdung einer möglichen Wiederwahl gerichtet ist. Für das „Gemeinwohl“ ist aus der Umbenennung einer Straße zunächst kein „messbarer Nutzen“[8] abzuleiten; obwohl eine solche, gerade wenn es sich um einen Fall mit problematischer NS-Vergangenheit handelt, als unschätzbarer ideeller Beitrag auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Erinnerungskultur oder der „Erneuerung des Gedächtnisses einer Gesellschaft“[9] einzuordnen ist. Wenn sich interessierte Beobachter von der Debatte um Straßennamen einen fruchtbaren, valide Informationen liefernden Austausch mit möglichst konsensualem Ergebnis erhoffen, werden sie immer wieder enttäuscht. Dies, weil der politische, aber auch historische Streit durch die heterogenen Ausgangsbedingungen geradezu provoziert wird. Ein weiteres, typisches Merkmal von Umbenennungsdebatten ist die Unschärfe der Ebenen, auf welchen diese geführt werden Häufig wabern beispielsweise Gegner von Umbenennungen in Unkenntnis der Ausgangslagen ziellos zwischen Teilaspekten formaljuristischer und historischer Betrachtung umher und flüchten sich schließlich mehrheitlich in ein „affektuelles und traditionelles“[10]  Verhaltensmuster, das Rainer Pöppinghege[11] überproportional bei den „Umbenennungsgegnern“ ausmacht, denn:

“Man möchte das Gewohnte behalten … Die von außen herangetragenen abwägend-moralischen Handlungsmuster erscheinen demgegenüber als störend bzw. nachrangig.“[12]

Sollen Straßenumbenennungsdebatten fachkundig begleitet werden, bedarf es einer vernetzten, die einschlägige Fachliteratur einbeziehende Betrachtung, die sowohl wissenschaftlich-historische, als auch formaljuristische Kriterien mit einbezieht. Auf dieser Grundlage kann dann im Einzelfall geklärt werden, welchen Part die jeweilige Disziplin zu erfüllen hat, und wie die Anforderungen an mit der Angelegenheit befassten Historiker und Kommunalpolitiker zu definieren sind. Umbenennungsdebatten werden in der Bevölkerung regelmäßig mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, sind medial gerne aufgegriffene Seismographen für den Umgang mit historischen Sachverhalten und landen, trotz erdrückender Faktenlage, häufig genug in der politischen Sackgasse. Dies, weil der notwendige interdisziplinäre Ansatz zur Lösung dieser kommunalpolitischen Problemlage, der die Entscheider häufig fachlich überfordert, nicht in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt wird. Genau dies aber ist unbedingt erforderlich, um historisch – verfassungsmäßige Schieflagen auf Straßenschildern zu vermeiden.

Genese der Straßenbenennung – (Um-) benennung als Instrument politischen Handelns

Die kommunale Praxis der Benennung von Straßen nach Personen ist eng mit der Entstehung der systematischen Geschichtswissenschaft verzahnt. Wurden früher, meist in mündlicher Tradition weitergegebene, selten schriftlich fixierte (Flur-) namen verwendet, die Topographie und funktionale Struktur einer Ansiedlung benannten, entstand Ende des 18. Jahrhunderts allmählich die Tradition der Benennung von Straßen nach Personen.

Dies, wie die in dörflichen oder städtischen Regionen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzende schriftlich fixierte Straßenbenennung, hatte in der Epoche stark anwachsender Städte und eines vermehrten Reiseaufkommens zunächst reine Ordnungsfunktion. Schnell erkannten die Regierenden, dass die Benennung von Straßen nach Personen nicht nur der räumlichen, sondern auch der Funktion einer ethisch-moralischen Orientierung nutzbar gemacht werden konnte. Erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts[13], in kleineren Gemeinden zeitverzögert, erfolgte eine strukturierte, durch juristische Vorgaben begleitete Ausgestaltung der schließlich im Polizeirecht verankerten, kommunalen Kompetenz der Straßenbenennung. Das von Bevölkerungs- und damit Siedlungszuwachs geprägte 19. Jahrhundert ging Hand in Hand mit alleine schon aus praktischer Notwendigkeit erforderlichen Straßenbenennungen.

In der NS-Zeit[14] erfolgten großangelegte Umbenennungswellen, deren Opfer (u. a.) Namensgeber jüdischer Herkunft waren. Ersetzt wurden sie[15] durch Personen und Ereignisse, von deren Nennung sich die NS-Propaganda einen Nährwert zugunsten ihrer Ideologie versprach. Im Wissen um die Wirkmacht von Straßennamen verfügte der Alliierte Kontrollrat im Jahr 1946  (Direktive Nr. 30) die überregional angestoßene, systematische Entnazifizierung und Entmilitarisierung in der Straßenschilderlandschaft Nachkriegsdeutschlands.

Zuletzt (ab 1990) kam es zu der gegenwärtig noch anhaltenden, zuungunsten von Repräsentanten und Ideologen der ehemaligen DDR gerichteten Rücknahmen von Benennungen, gegenüber welchen, in Proportionen ausgedrückt, die wenigen, auf dem alten Bundesgebiet vorgenommenen Namensänderungen verschwindend gering ausfallen.

Formaljuristische Grundlagen

Bei der Benennung oder Umbenennung von Straßen und Plätzen handelt es sich um eine den Kommunen im Sinne ihrer Selbstverwaltung übertragene Aufgabe. Verfahrenstechnisch ist dieser Verwaltungsakt[16] parlamentarisch auf den Weg zu bringen, da es sich, so der Kommunalrechtler Winkelmann in seinem Grundlagenwerk[17] um kein „Geschäft der laufenden Verwaltung“[18] sondern um eine Entscheidung mit „gestaltendem Charakter“ handelt, bei der die Notwendigkeit einer „stärkeren politischen Verankerung“[19] als erforderlich angesehen wird.

Als im Einzelfall problematisch erweisen sich die oftmals äußerst knapp formulierten Vorgaben der im jeweiligen Orts- oder Stadtrecht enthaltenen „Satzung über die Benennung von Straßen“. Diese geben, obwohl inhaltlich an die übergeordneten Rechtsnormen gebunden, meist keine Hinweise, wann eine Umbenennung angezeigt ist.

In Kommunen mit geringer Personal- und demzufolge Regeldichte ist verwaltungstechnisch nicht zu leisten, was die Stadt Frankfurt am Main im Jahr 2010 auf den Weg gebracht hat. Nicht nur wurde eine systematische Bereinigung[20] der Vorschlagslisten für Straßennamen, insbesondere im Hinblick auf die Kolonial- und NS-Zeit vorgenommen. Auch wurde ein interner Leitfaden erarbeitet, der die Kriterien für Benennung und Umbenennung auf der Basis der Vorgaben des Hessischen Städtetages regelt. Die Kernaussage dieses Leitfadens:

“Benennungen nach Personen, Organisationen und Einrichtungen, die Ziele, Handlungen oder Wertvorstellungen verkörpern, die dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland oder der Verfassung des Landes Hessen zuwiderlaufen bzw. dem Ansehen der Stadt Frankfurt schaden, sind unzulässig.“[21]

Gerade kleinere Städte und Gemeinden könnten von derlei Vorgaben profitieren, da sie sich auf die für alle Kommunen verbindlichen Normen beziehen, rechtsverbindlich sind, und so auf dem informellen Dienstweg rasch Expertise eingeholt werden kann, ohne den Umweg über ein Gutachten nehmen zu müssen.

Der Städtetag (Winkelmann) hat, neben dem Grundsatz, dass die Benennung einer Straße immer an den Gedanken der „Ehrung“[22] gebunden ist, hilfreiche Grundsätze für die Benennung und Umbenennung von Straßen vorgegeben, für die Verbindlichkeit reklamiert werden kann, auch wenn sich im Ortsrecht dazu keine Hinweise finden. So soll die

„Benennung …als Anerkennung der Ideen oder Leistungen … des Namensträgers verstanden werden … Steht das von der Person Verkörperte in einem Widerspruch zur Verfassung oder (straf-) gesetzlich ausgeprägten Wertvorstellungen, würde die Benennung als Identifikation der Gemeinde mit dessen Handlungen und Ideen erscheinen. Diesen Eindruck zu verhindern, gebietet der Gemeinde die in Art. 20 III GG verankerte Bindung an die Verfassung und das Recht. Wegen Überschreitung dieser Schranken wäre also die Wahl solcher Namen ermessensfehlerhaft, die den Nationalsozialismus … oder sonstige, mit den Grundsätzen der Verfassung … unvereinbare Auffassungen oder Handlungen stellvertretend verkörpern …“[23]

Dem Gedanken der Wertung einer Person in ihrem historisch-politischen Bezugssystem (Winkelmann) soll Rechnung getragen werden. Daher sei eine deutliche Zäsur zwischen der Zeit des Kaiserreichs und jener der Weimarer Republik zu setzen. Antidemokratische Positionen nach 1918/19 sind demnach ein deutliches Ausschlusskriterium für Ehrungen.

So werden klare Empfehlungen für mögliche Umbenennungen vorgelegt. Eine solche soll angestrebt werden, wenn bei der Namenswahl maßgebliche Informationen „übersehen“[24] wurden, also nach der Beschlussfassung begründete Zweifel an der Anerkennungswürdigkeit“[25] aufgekommen sind.

Auch kann ein Name „unhaltbar“[26] werden, indem es (beispielsweise durch Änderung der Forschungslage wie bei Paul von Hindenburg) zu einer deutlichen Verschiebung in der öffentlichen Wahrnehmung der Person des Namensgebers kommt. Dies rechtfertige die Rücknahme einer Ehrung.

Die nachträgliche Begutachtung der Ehrungswürdigkeit des Namenspatrons einer Straße in einer Umbenennungsdebatte ist keine ausschließlich historisch-wissenschaftliche Tätigkeit. Sie muss mit den kommunalrechtlichen Vorgaben verzahnt werden, will sie Antworten auf die in diesen Zusammenhängen allzu häufig unpräzise gestellten Fragen[27] geben.

Die verbindlichen, formaljuristischen aber verständlichen Vorgaben des Kommunalrechts sind dem Historiker, der die Aufgabe erhält, die Vita eines Namensgebers abzuprüfen, unbedingt vorzulegen. Es handelt sich deutlich um „harte Kriterien“. Diese erleichtern die Beantwortung der Frage, ob eine Ehrung ausgesprochen oder beibehalten werden kann, signifikant. Sie bieten ein transparentes Untersuchungsraster an, welches offenbar werden lässt, wo die Durchsetzung politischer Interessen auf dem Rücken der historischen Wahrheit wider besseres Wissen erfolgen soll. Auch wäre die konsequente Herausstellung der kommunalrechtlichen Vorgaben hilfreich um Endlosschleifen, wie sie in der nun schon Jahre währenden Wiesbadener Debatte um Rudolf-Dietz zu beobachten sind, abzukürzen.

Rudolf Dietz – weitere (zukünftige) Streitfälle?

Der Fall des in Wiesbaden-Naurod geborenen „nassauischen Mundartdichters“ Rudolf Dietz (1863-1942) sorgte dort, mit überregionalem Presseecho[28] immer wieder wegen der von ihm verfassten rassistischen, antijüdischen und das NS-System verherrlichenden Gedichte für erhebliches Aufsehen. Dies, weil nach ihm nicht nur etliche Straßen, u.a. im Nassauer Land, sondern auch eine Schule[29] benannt ist. Dem Verfasser[30] germanistisch irrelevanter Gebrauchsverse, der diese meist im Selbstverlag herausgab, glückte in späten Jahren durch Vermittlung seines Freundes Walter Minor noch eine mittelmäßige Karriere. Minor ist in Wiesbaden dadurch in schlechter Erinnerung geblieben, weil unter seiner Ägide sowohl Volksschule als auch Volksbildungsverein der Stadt Wiesbaden gleichgeschaltet, das Verlagsprogramm „arisiert“ und das Vermögen 1936 in die „Deutsche Volksbücher GmbH“ übertragen wurde, dessen Geschäftsführer er war. Die vielzitierten Lobesworte des „Deutschbund“ Mitglieds Minor für Dietz[31], der „aktiv seine Dichtergabe … tapfer und treu … in den Kampf um Volk und Freiheit stellte[32] verdeutlichen, auch im Kontext des von Dietz verfassten „Reichsliedes“[33] dessen grundsätzlich antidemokratische Haltung.

Nach Rudolf Dietz benannte Straßen[34] befinden sich nicht nur im Raum Wiesbaden sondern (u.a.) in Limburg, Weilburg, Westerburg, Taunusstein, Idstein[35] und in Diez/Lahn. Letzteres Beispiel verdient besondere Erwähnung, weil es sich um eine in der Gesamtschau der dortigen Erinnerungskultur äußerst disparate Situation handelt: Die Stadt Diez fühlt sich in besonderer Weise dem Andenken des dort (1970) verstorbenen Pazifisten, Dichters und Verfolgten des Nazi-Regimes Fritz von Unruh verpflichtet. Im dortigen „Haus Eberhard“ ist eine Gedenkplakette angebracht, auch wurde eine Siedlung nach ihm benannt. In der Paulskirche hielt Fritz von Unruh im Jahr 1948 die berühmt gewordene Rede „An die Deutschen“[36] In der Rede brandmarkte er insbesondere den „Opportunismus“ der Deutschen in der NS-Zeit und so steht Unruh in der Region exemplarisch für die große Zahl jener, die einen Gegenentwurf zum NS-System formulierten, aktiv Widerstand leisteten oder sich dem Mitläufertum verweigerten, das im „Steinebach – Gutachten“[37] zu Rudolf Dietz verniedlichend und historisch falsch als gängige Norm dargestellt wird.[38] Ein Blick auf den Diezer Stadtplan verdeutlicht, dass es dort mit Blick auf den Gedanken der Proportionalität[39] bei Straßenbenennungen zu einer objektiven Schieflage gekommen ist. Die Rudolf-Dietz Straße ist eine der großen Hauptverkehrsadern der Stadt, während es sich bei der Bert Brecht Straße um eine kleine, abseits liegende Nebenstraße handelt.

Über einen kommunalrechtlich skurrilen Fall ist aus der Kurstadt Bad Camberg zu berichten. Dort wurde im Juni 2012 der Antrag[40] auf Umbenennung der im dortigen „Dichterviertel“ liegenden Rudolf-Dietz-Straße gestellt. Der Antragsbegründung mit Verweis auf die NS-Vergangenheit des Namensgebers und der von ihm verfassten antijüdischen Gedichte schloss sich die Stadtverordnetenversammlung inhaltlich nahezu einstimmig[41] an. Obwohl das Gremium fraktionsübergreifend die Ansicht formulierte, dass „heute niemand mehr eine Straße nach Rudolf Dietz benennen würde“[42], die formalen Voraussetzungen für eine Umbenennung[43] also klar erfüllt waren, verweigerten die Stadtverordneten dennoch mehrheitlich das Antragsziel auf Umbenennung der Straße. Auf Mahntafeln soll fortan in der Rudolf-Dietz Straße auf die NS-Vergangenheit des „Heimatdichters“ aufmerksam gemacht werden – um auf diese Weise dem „Verschweigen“ der „dunklen Seite der Geschichte“ entgegenzuwirken.[44] Dass es kommunalrechtlich unmöglich ist, eine Straße durch Parlamentsmehrheit zum Mahnmal umzufunktionieren, schien den Beteiligten nicht bewusst gewesen zu sein. Dies macht deutlich, dass es bei zukünftigen Umbenennungsdebatten fachlicher Expertise bedarf, um zu formaljuristisch einwandfreien, den Grundsätzen der Gedächtniskultur folgenden Ergebnissen zu gelangen.

Resultate

Die unbestreitbare historisch-politische Dimension der Benennung von Straßen nach Personen erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick. Wenn Streitfälle zu den auf Straßenschildern ausgesprochenen Ehrungen einen in der Region noch ausstehenden Diskurs über die regionale NS-Vergangenheit eröffnen, mag sich dieser an der Debatte über eine im Nachhinein als Fehlentscheidung empfundene Straßenbenennung fruchtbar Bahn brechen.

Die Möglichkeit, dass es als Konsequenz einer solchen, allemal wichtigen Debatte zum „verwaltungstechnisch lästigen und … ungeliebten Ausweg(s)“[45] der Umbenennung von Straßen kommen könnte, soll nicht dazu führen, dass sich die zuständigen Gremien darauf einigen, zukünftig nur noch Straßennamen vorzuschlagen, bei denen diese Möglichkeit ausgeschlossen ist. Namen aus Flora und Fauna sind, wohldosiert, eine Bereicherung jedes Stadtplans. Aber wer dreht sich schon nach einer Tulpenstraße um und begibt sich auf Spurensuche nach der Namensgeberin?

Auffällig ist, dass die meist hohe Wellen schlagenden Fälle angedachter Umbenennungen mit großer medialer Aufmerksamkeit bedacht werden. Strenggenommen, gerade mit Blick auf die deutlichen formaljuristischen Grundlagen sind Reaktionen wie im Falle der Umbenennung des Münsteraner Hindenburgplatzes[46] nicht erklärlich. Könnte es sein, dass sich in der Form der überschießenden Reaktion die Abwehr des Erschreckens breitmacht, beim „leeren und kalten Vergessen“[47] ertappt worden zu sein?

Das Gebilde kommunaler Straßengeflechte muss Raum für jene „in Asphalt gegossene kollektive Erinnerungssymbolik“[48] freihalten, mittels derer Menschen für eine herausragende Tat, Kultur- oder Lebensleistung geehrt werden. Dazu gehört auch die Erinnerung an Opfer, aber keinesfalls Täter, Förderer oder Profiteure des NS-Terrors.

Geschichtsrevisionismus ist ein gewaltiger Begriff, der gedanklich mit andernorts geführten Debatten verknüpft ist. Dieser Verirrung kann man aber auch in der Region anheimfallen. Die personenzentrierte Erinnerungskultur ist, wie die zahlreichen Initiativen zur Verlegung von „Stolpersteinen“ exemplarisch verdeutlichen, längst vor unserer Haustür angekommen. Viele tun sich damit schwer, dass flankierend dazu nun auch lokale Wegbereiter und Akteure des NS-Regimes, gerne allzu leichtfertig als die unbekannten „Anderen“ definiert, mit Namen genannt werden können. Wenn dieser, ob infolge des „Übersehens“ von Fakten oder in Ausblendung eines Teils ihrer Geschichte auf Straßen und Plätzen gedacht wird, während Opfer namen- und gesichtslos bleiben, ist der Tatbestand der Relativierung historischer Tatsachen erfüllt. Sich in die Auflösung solcher Widersprüchlichkeiten einbinden zu lassen muss für historisch Engagierte Verpflichtung und Zukunftsaufgabe sein.

Wenn es am Ende des Weges, auch wenn zuvor Emotionen hochgekocht, aber auch Fakten benannt und als solche anerkannt wurden, zur Rücknahme einer Ehrung kommt, ist viel für die Bereinigung einer Vergangenheit getan, die es gilt, im Blick zu halten. Schließlich soll die in Museen und Gedenkstätten achtsam gepflegte, personenzentrierte Erinnerungskultur auch im Bild unserer Straßen eine Entsprechung finden.



[1] Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit? (Vortrag 1959) In: ders.: Kulturkritik und Gesellschaft II. Gesammelte Schriften. Bd. 10.2. Frankfurt am Main (1977) Hg. Rolf Tiedemann. S. 555-572.

[2] Siehe dazu auch: Aufklärung statt Bewältigung. Tondokumente zur Berichterstattung von Axel Eggebrecht über den ersten Auschwitz-Prozess.(Tondokument) Hg. Deutsches Rundfunkarchiv (2011)

[3] Nach dem Buchtitel (1978) des Autors und Historikers Sven Lindqvist

[4] Wieder Wirbel um Dietz FAZ 5. Juni 2012

[5] Dass sich die 3. und 4. Generation in großer Offenheit mit der NS-Vergangenheit befasst, wird regional durch die jährlich wachsenden Besucherzahlen in der „Euthanasie“-Gedenkstätte Hadamar deutlich.

[6] Pöppinghege, Rainer. Geschichtspolitik per Stadtplan. Kontroversen zu Historisch-Politischen Straßennamen. In:Frese, Matthias. (Hg.) Fragwürdige Ehrungen? Münster 2012.

[7] Im Jahr 2002 beschloss die Berliner Regierung, Neubenennungen von Straßen vorwiegend nach weiblichen Namensgeberinnen vorzunehmen, um im Straßenbild sukzessive für Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen.

[8] Pöppinghege, Rainer. Geschichtspolitik per Stadtplan. Kontroversen zu Historisch-Politischen Straßennamen. In: Frese, Matthias. Fragwürdige Ehrungen?  Münster (2012) S. 39.

[10]  Nach: Weber, Max. Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie

[11] Pöppinghege, Rainer. Geschichtspolitik per Stadtplan. Kontroversen zu Historisch-Politischen Straßennamen. In: Frese, Matthias. Fragwürdige Ehrungen?  Münster (2012) S. 39.

[12] ebd. S. 40.

[13] Siehe dazu: Pöppinghege, Rainer. Wege des Erinnerns. Was Straßennamen über das deutsche Geschichtsbewusstsein aussagen. Münster (2007). S. 19 ff.

[14] Mit der (in manchen Kommunen immer noch gültigen!) Verordnung über die Benennung von Straßen, Plätzen und Brücken (1. April 1939) sind die (zu diesem Zeitpunkt längst gleichgeschalteten) Kommunen frei, über die Namensgebung zu entscheiden. Studien zur Umbenennungspraxis in der NS-Zeit sind lohnende Forschungsfelder für die Regionalgeschichte.

[15] Neben der in unzähligen Kommunen vorhandenen „Adolf-Hitler-Straße“.

[16] Dies gilt für Hessen, vergleichbar jedoch auch in den Gemeindeordnungen der anderen Bundesländer.

[17]Winkelmann, Helmut. Das Recht der öffentlich-rechtlichen Namen und Bezeichnungen – insbesondere der Gemeinden, Straßen und Schulen. Hg. Deutscher Städtetag. Stuttgart 1984.

[18]Winkelmann, S. 89.

[19]Winkelmann, S. 89.

[20] Siehe dazu auch: www.fr-online.de/…/frankfurter-strassennamen-roemer-koalition-erst…

[21] www.frankfurt.de/…/Leitfaden%202010%20Straßenbenennung%20b…

[22] Winkelmann, S. 171 ff.

[23] Winkelmann,. S..172.

[24] Winkelmann, S. 180.

[25] Winkelmann, S. 180.

[26] Winkelmann, S. 176.

[27] Bestes Beispiel dafür das „Steinbach-Gutachten“ zu Rudolf Dietz aus dem Jahr 2004.  Im Kontext der Debatte (2003) um den „Nassauischen Mundartdichter“ Dietz beauftragte die Landeshauptstadt Wiesbaden den Karlsruher Historiker Prof. Dr. Peter Steinebach mit der Erstellung eines Gutachtens. Der Arbeitsauftrag lautete: „Hat Rudolf Dietz sein Werk unmissverständlich und mit Überzeugung in den Dienst des NS-Staates und seiner unmenschlichen, rassistischen Ideologie gestellt, weshalb nach ihm keine Schule benannt werden sollte?“ Da in der Fragestellung der Hinweis auf die kommunalrechtlich-formalen Vorgaben für Benennung von öffentlichen Gebäuden fehlt, konnten diese auch nicht abgeprüft werden – das nebulöse Ergebnis wird durch die Fragestellung antizipiert.

[28] www.spiegel.de › Panorama

[29] Kommunalrechtlich greifen bei der Namenswahl für Schulen die gleichen Prinzipien wie sie bei der Benennung von Straßen nach Personen als verbindlich definiert sind. In beiden Fällen handelt es sich um Ehrungen bei welchen der Vorbildcharakter erfüllt sein muss.

[30] Zu Dietz: Brecht, Alwin. Der nassauische Heimat- und Mundartdichter Rudolf Dietz. In: Nassauische Annalen Nr. 107. (1996). S. 241 -269.

[31] Walter Minor stellte 1936 fest, Dietz sei seit 1918 Mitglied im Deutschbund gewesen – ein Dementi durch Dietz in dieser Frage erfolgte nicht.

[32] In:Minor, Walter. Wer die Heimat so liebt wie Du. Aus dem Leben und Werk des Nassauischen Heimatdichters Rudolf Dietz. Wiesbadener Volksbücher Band 246 (1936) S.6.

[33] Zuletzt veröffentlicht in: Wiesbadener Kurier v. 22. 02. 2003.

[34] Eine Nennung ist nur auszugsweise möglich, da es sich um annähernd 30 Straßen handelt.

[35] In Idstein sind zusätzlich noch eine Straße und eine Schule nach dem NSLB-Mitglied und Direktor der Hochschule von Lauenburg (Pommern), Franz Kade benannt.

[36]In: 1848 –geteiltes Erbe. (Tonträger) Text: W. Roller. Hg. Deutsches Historisches Museum Berlin und Deutsches Rundfunkarchiv.

[37]s. Anm. 27

[38] Steinebach führt in seiner Untersuchung www.faz.net › Rhein-MainRegion an, Dietz habe die Fähigkeit gefehlt, sich „gegen die Sogströmungen und Anpassungserwartungen seiner Zeit zu behaupten“ (S.25). Diez habe als  „Lehrer, der mäßig bezahlt wurde“ zumal er „mehrere Kinder hatte und seine Lebensführung standesgemäß sein sollte“ des „Zuverdiensts“ durch Veröffentlichungen bedurft. (S.15)

[39] Dazu: Pöppinghege, Rainer: Geschichte mit Füßen getreten: Straßennamen und Gedächtniskultur in Deutschland. S. 12 f.

[40] Nassauische Neue Presse, 12. Juni 2012.

[41] Nassauische Neue Presse, 12. Juli 2012.

[42] Ebd.

[43] Änderung der Forschungslage, Zweifel an der Ehrungswürdigkeit, Übersehen maßgeblicher Informationen.

[44] Der Kulturausschuss der Bad Camberger Stadtverordnetenversammlung beschloss am 20. Februar 2013 folgenden Text für die Hinweistafeln: Rudolf-Dietz-Straße: „Straßenbenennung 1975 als Erinnerung an den Heimatdichter Rudolf Dietz (1863-1942), den Verfasser zahlreicher beliebter Gedichte in Nassauer Mundart. Erst über 30 Jahre später brachte die Heimatforschung die Erkenntnis, dass Dietz nicht nur Lehrer und Heimatdichter, sondern überzeugter Nationalsozialist und Mitglied im rassistischen und antisemitischen ,Deutschbund‘ war.“

[45] Winkelmann, a.a.O. S. 174.

[46] Der Hindenburgplatz in Münster wurde im März 2012 auf Beschluss des Stadtparlamentes in „Schlossplatz“ umbenannt. Hintergrund: die geänderte Forschungslage zur Rolle des Reichkanzlers in der NS-Zeit. Als Reaktion wurde ein Bürgerbegehren zur Rücknahme der Namensänderung in die Wege geleitet. Die Bürger von Münster entschieden am 16. September 2012 mehrheitlich, die Entscheidung des Rates der Stadt beizubehalten.

[47] Adorno, Theodor. Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit (1959) in: Gesammelte Schriften, Bd. 10.2, Frankfurt/Main 1977, S. 555-572.

[48] Pöppinghege, Rainer. Wege des Erinnerns. Was Straßennamen über das deutsche Geschichtsbewusstsein aussagen. Münster (2007) S. 11.

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